Als Director beim internationalen Technologieberatungs- und Investmentunternehmen GP Bullhound hat Investmentbanker Dr. Nikolas Westphal ein Auge auf die Technologietrends der Zukunft. Seinen jüngsten Report hat er dem Thema Smart Manufacturing gewidmet. Im Interview mit Germanedge spricht er darüber, warum dieser Sektor für Investoren so attraktiv ist, warum Europa aufpassen muss, nicht den Anschluss zu verlieren, und was Trendvorhersagen mit Kanarienvögeln zu tun haben.

Gemanedge: Sie haben im Juni diesen Jahres einen Report mit dem Titel „Smart Manufacturing – The Rise of the Machines“ herausgegeben. Warum haben Sie dieses Thema gewählt, und wer liest Ihren Report?

Dr. Nikolas Westphal: Als Investmentbanker stoßen wir immer wieder auf neue Entwicklungen, die wir im Auge behalten, wenn sie das Potential haben, für uns attraktiv zu werden. Smart Manufacturing ist ein relativ neuer Sektor, aber einer, der sich sehr interessant entwickelt. Unsere Reports sind natürlich in erster Linie für unsere Klienten und Vertreter der jeweiligen Branche gedacht, aber auch für eine breitere Öffentlichkeit interessant, deshalb stehen sie auf unserer Website zum freien Download bereit. Smart Manufacturing ist zwar nicht so ein Trendthema wie zum Beispiel Blockchain, aber dafür eines, das aus unserer Sicht sehr lange aktuell bleiben wird.

Unternehmen für Smart Manufacturing-Technologien haben 2018 gut 5.9 Milliarden Euro Funding erhalten, 2013 waren es noch 0.6 Milliarden Euro. Was bedingt diesen Anstieg?

Momentan ist sehr viel Kapital im Markt, was auch mit makroökonomischen Faktoren zusammenhängt, und das Funding-Volumen nimmt in allen Technologiebereichen signifikant zu. Im Bereich der Künstlichen Intelligenz generell sieht es sogar noch extremer aus, mit jährlichem Funding im mittlerweile mittleren zweistelligen Milliardenbereich. Ein erheblicher Teil davon kommt aus China, wo gerade in den Bereichen Künstliche Intelligenz und Edge Computing bewusst Plattformen aufgebaut werden, um einer möglichen US-amerikanischen Dominanz entgegenzuwirken. Der Anstieg im Bereich Smart Manufacturing ist aber auch ein Zeichen für zunehmende Marktreife. Vor fünf Jahren gab es einfach noch nicht genügend Geschäftsmodelle, in die man hätte investieren können.

©GP Bullhound, „Smart Manufacturing – The Rise of The Machines“, Juni 2019, S. 49.

In Ihrem Report untersuchen Sie nicht nur internationale Investment- und Transaktionsbewegungen der letzten fünf Jahre, sondern beziehen auch soziale und politische Implikationen des Themas mit ein. Haben Investoren überhaupt ein Interesse über das Wirtschaftliche hinaus?

Unbedingt, denn zumindest große strategische Player sind automatisch gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen ausgesetzt. Trends wie zum Beispiel die Forderung nach CO2-Neutralität erfordern Umstellungen in der Produktion, wirtschaftspolitische Entscheidungen wie aktuell die Überlegung in Frankreich, eine Digitalisierungssteuer zur Besteuerung automatisierter Arbeit einzuführen, haben Einfluss darauf, wieviel an welchem Standort vom Umsatz übrig bleibt. Auch der Umstand, dass eine Gesellschaft möglicherweise nicht hinreichend auf die Digitalisierung vorbereitet ist, ist ein massiver Einflussfaktor. Deshalb weise ich in meinem Report darauf hin, dass es einen Digitalisierungsmangel in der Wirtschaft wie in der gesamten Gesellschaft gibt, der zwingend adressiert werden muss, weil sich ansonsten wahrscheinlich ein Teil der Wertschöpfung aus Deutschland und Europa wegverlagern wird. Und das hätte natürlich wiederum gesamtgesellschaftliche Konsequenzen.

In Deutschland wird gerade Unternehmen im KMU-Sektor gern mangelnde Digitalkompetenz attestiert, die für die Digitalisierung von Produktionen notwendige Voraussetzung ist. Ist diese Einschätzung dem deutschen Hang geschuldet, sich selbst schlechter zu machen, als man ist, oder stimmt sie wirklich? Wo sehen Sie Deutschland im internationalen Vergleich?

Übereinstimmenden Schätzungen verschiedener internationaler Quellen zufolge sind bislang nur drei Prozent aller deutschen Unternehmen in der Cloud, und 97 Prozent arbeiten noch on-premise, während etwa in Großbritannien schon bis zu 20 Prozent in der Cloud sind. Auch wenn es nicht für alle Unternehmen gleich relevant ist, zeigt diese Schätzung, dass es zum Teil an grundlegender Infrastruktur mangelt. Ein anderes Beispiel: häufig beobachten unsere Kunden im IoT-Bereich z.B., dass viele Firmen in ihren Produktions- oder Logistikstätten weder WiFi noch sonstige Formen von mobilem Datenempfang haben – keine Daten, keine Digitalisierung. Oder nehmen Sie das Thema Arbeitsschutzrecht. Die Methoden der Augmented Reality werden in Deutschland möglicherweise nicht anwendbar sein, weil es in Deutschland mit hohen rechtlichen Hürden verbunden ist, den Arbeitsplatz aufzuzeichnen. Genau das ist aber unumgänglich, wenn man mit einer AR-Brille arbeitet. China dagegen ist auch deshalb führend im Bereich der KI, weil es dort keine rigiden Datenschutzvorschriften gibt. Natürlich stellt sich die Frage, wie wünschenswert so etwas ist, aber es handelt sich um eine ökonomische Realität, der wir uns momentan vielleicht nicht ausreichend stellen. Mir sind bisher z.B. keine Überlegungen bekannt, wie man etwa europäische Datenschutzansätze mit modernen Machine-Learning-Konzepten vereinbaren kann, so dass alle gesellschaftlichen Akteure damit zufrieden sind. Hier gibt es meines Erachtens noch sehr viel gesellschaftliches Diskurspotential.

Als ein weiteres Problem gilt die Abwanderung technologischen Know-hows, die mediale Aufmerksamkeit, welche die Übernahme des deutschen Roboterherstellers Kuka durch den chinesischen Konzern Midea erfuhr, ist nur ein Beispiel dafür. Stimmt es, dass der Produktionsstandort Deutschland durch solche Deals geschwächt wird?

Wenn man sich die Cross-Border-M&A-Aktivitäten ansieht, fällt zumindest auf, dass die europäischen Firmen vornehmlich von asiatischen und amerikanischen Firmen aufgekauft werden. Zwar läuft der Transfer nicht nur in eine Richtung, wenn man sich zum Beispiel anschaut, wie Bosch oder Siemens investieren bzw. dazukaufen, aber für einen gleichgewichteten Austausch braucht man sehr starke industrielle Plattformen, und mein Eindruck ist, dass im Digitalbereich die starken Plattformen tendenziell nicht in Europa sitzen. Dies könnte auch an kulturellen Unterschieden liegen: Mein Eindruck ist, dass bei uns ein Produktdenken vorherrscht. Viele europäische Start-ups entwickeln tolle, nützliche Produkte, aber es ist ihnen wichtiger, ein gutes Produkt zu realisieren als ein erfolgreich kommerziell skalierbares Unternehmen aufzubauen.

Aber ist es nicht das Produktdenken, das die sprichwörtliche deutsche Wertarbeit hervorgebracht und Deutschland erst zu einem starken Industriestandort gemacht hat? Die smartesten digitalen Lösungen sind doch nichts wert, wenn es keine Produktion zu digitalisieren gibt.

Ja, und der Fokus auf das wertige Produkt gilt für ganz Kontinentaleuropa. Aber die Wertschöpfung liegt zunehmend nicht mehr im Produkt, sondern im Service, der mit dem Produkt verknüpft ist. Wenn zum Beispiel eine Reederei eine Schiffsturbine benötigt, dann wird sie nicht mehr für das physische Gerät zahlen, sondern für dessen Laufzeit. Wer sich weiterhin nur auf das physische Produkt fokussiert, wird immer mehr Teile der Wertschöpfung dorthin abwandern sehen, wo der Service orchestriert wird. Grundsätzlich verfügt die deutsche Industrie über alle Stärken, die es braucht, und die deutsche Software- und IT-Branche hat sehr viele Hidden Champions: Unternehmen, die nicht so sichtbar sind wie Salesforce oder Google, die aber hervorragende Lösungen in bestimmten Bereichen anbieten, mit sehr gut ausgebildeten Informatikern, die solche Lösungen optimal implementieren können. Aber wenn ich mir z.B. solche Ereignisse wie die Versteigerungen der 5G-Frequenzen vor Augen führe, befürchte ich, dass die Dringlichkeit des Themas in Deutschland noch nicht angekommen ist.

Tragen Sie mit Ihrem Fokus auf Technologieinvestitionen nicht zumindest mittelbar auch zur Förderung von Zukunftstechnologien bei? Inwieweit können Sie durch Ihre Arbeit die Zukunft beeinflussen?

Ich würde uns eher mit dem Kanarienvogel im Bergwerk vergleichen. Früher nahmen Bergleute Kanarienvögel als Frühwarnsystem mit in die Minen, weil diese schneller als Menschen auf eine Veränderung der Luftqualität reagierten. Dadurch dass wir mit vielen Technologieunternehmen zusammenarbeiten, die relativ neu am Markt sind, können wir relativ gut vorhersehen, in welche Richtung sich Trends entwickeln werden.

Wenn wir beim Vergleich mit dem Kanarienvogel bleiben, wo lauern denn Gefahren im Technologie-Bergwerk?

Ich glaube, als Banker muss man aufpassen, dass man die technologischen Hürden nicht unterschätzt. Auch wenn eine Technologie schon sehr sichtbar ist, wie aktuell etwa das Thema selbstfahrende Fahrzeuge, kann es manchmal noch sehr lange dauern, bis sie im Markt ankommt. Aber wir liegen seit Jahren mit unseren Technologie-Vorhersagen ganz gut, unsere Trefferrate liegt bei ungefähr 80 Prozent. Der Zeitraum, den wir überblicken, beträgt immer nur etwa 12 Monate, aber ich glaube, Kapitalflüsse sind ein guter Indikator dafür, wie relevant ein Markt werden wird.